Reiterin führt ihr Pferd über eine Wiese © Christiane Slawik

Klare Verhältnisse schaffen: Etwas vor dem Kopf des Pferdes gehen.

Ob das Pferd drängelt, ständig stehen bleibt, nach Gras schnappt oder sich von jeder Kleinigkeit ablenken lässt – viele Schwierigkeiten beim Führen entstehen nicht erst im Gelände, sondern haben ihre Ursache in der Grundausbildung. Gleichzeitig bieten Spaziergänge die Möglichkeit, Kommunikation, Aufmerksamkeit und Vertrauen gezielt zu verbessern.

Spaziergänge, bei denen Reiter ihr Pferd führen, bieten vielen Tieren eine willkommene Abwechslung zum Trainingsalltag. Gleichzeitig zeigen sie, wie gut die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Pferd tatsächlich funktioniert. Denn außerhalb von Halle und Reitplatz treffen beide auf neue Eindrücke, wechselnde Untergründe und ungewohnte Situationen, die eine klare Verständigung erfordern.

Idealerweise läuft das Pferd aufmerksam neben seinem Menschen, orientiert sich an dessen Tempo und begegnet neuen Situationen gelassen. Doch unterwegs zeigen sich häufig Verhaltensweisen, die auf dem Reitplatz kaum auffallen. Manche Pferde konzentrieren sich auf alles außer ihren Menschen, lassen sich leicht ablenken oder werden hektisch. Andere bleiben ständig stehen, trödeln oder drängen ihren Führenden so stark zur Seite, dass dieser permanent auf seine Füße achten muss. Solche Situationen machen deutlich, dass die Verständigung am Boden noch nicht zuverlässig funktioniert.

Was lernt ein Pferd beim Führen?

Genau deshalb ist das Führen weit mehr, als ein Pferd von A nach B zu begleiten. Bereits am Boden entscheidet sich, wie gut die Verständigung zwischen Mensch und Pferd funktioniert. Ob Signale eindeutig verstanden werden und das Pferd auch in ungewohnten Situationen gelassen und zuverlässig reagiert, zeigt sich oft erst außerhalb der gewohnten Umgebung.

Darüber hinaus bieten Spaziergänge auch körperliche Vorteile. Unterschiedliche Untergründe wie Waldwege oder Wiesen beanspruchen das Pferd anders als ein gleichmäßiger Reitboden. Dadurch werden weitere Muskelgruppen angesprochen und die Trittsicherheit gefördert. Außerdem sorgen neue Eindrücke dafür, dass das Pferd nicht nur körperlich, sondern auch geistig gefordert wird.

Joggerin mit Pferd

Wer etwas für die eigene Fitness tun will, kann sein Pferd auch mit zum Joggen nehmen. (© AdobeStock/ Petra Eckerl )

So versteht das Pferd klare Signale

Sicheres Führen beginnt nicht erst dann, wenn ein Problem auftritt. Entscheidend ist vielmehr, dass das Pferd von Anfang an lernt, auf klare und verständliche Signale zu reagieren. Genau hier setzt Peter Kreinberg mit seiner „The Gentle Touch“-Methode an. Statt unerwünschtes Verhalten nachträglich zu korrigieren, geht es darum, selbst die agierende Rolle einzunehmen und dem Pferd von Beginn an Orientierung zu geben.

Die Frage ist also nicht mehr: Was mache ich, wenn dies und das passiert ist? Denn dann ist es bereits zu spät, und ich kann nur noch korrigieren. – Peter Kreinberg –

Die Beziehung zwischen Mensch und Pferd werde bereits beim Führen definiert. Deshalb sollte zunächst in einer ruhigen Umgebung geübt werden, ob das Pferd auf klare und eindeutige Signale reagiert – und zwar ohne Kraft. Denn Kraft werde häufig mit Kraft beantwortet und erschwere die Verständigung zusätzlich.

Bevor der erste Spaziergang beginnt, sollte das Pferd lernen, sich zuverlässig vom Menschen leiten zu lassen und gleichzeitig dessen Individualbereich zu respektieren. So entsteht eine gemeinsame Verständigungsebene, die auch dann trägt, wenn ungewohnte Reize oder Situationen hinzukommen.

Warum kleine Signale oft mehr bewirken

Die Verständigung beginnt bereits mit kleinen Impulsen über Halfter und Führstrick. Peter Kreinberg arbeitet dabei bewusst möglichst wenig mit einer Gerte. Stattdessen fordert er die Aufmerksamkeit des Pferdes zunächst über feine Halftersignale ein. Zeigen sich Auge und Ohr auf der Seite des Menschen, nimmt das Pferd dessen Position und Signale bewusst wahr.

Anschließend wird das Pferd in verschiedene Richtungen geführt, um Objekte herumgeleitet und lernt, punktgenau anzutreten sowie anzuhalten. Es soll dieselbe Richtung einschlagen, Wendungen mitmachen und gemeinsam mit dem Menschen antraben. Je feiner diese Signale aufeinander abgestimmt sind, desto sicherer werden beide Seiten. Gleichzeitig achtet das Pferd immer genauer auf seinen Führenden.

Trotz einer guten Vorbereitung können sich außerhalb der gewohnten Umgebung Verhaltensweisen zeigen, die auf dem Reitplatz kaum auffallen. Welche Schwierigkeiten beim Führen besonders häufig auftreten und was dahintersteckt, zeigt sich oft schon nach wenigen Metern.

Wendung im Gelände mit Pferd

Wendung im Gelände mit Einwirkung über das Knotenhalfter. (© Christiane Slawik)

Welche Fehler passieren beim Führen vom Pferd besonders oft?

Auch gut ausgebildete Pferde können beim Spaziergang ungehorsame Verhaltensweisen zeigen. Entscheidend ist dann nicht, das Verhalten sofort zu korrigieren, sondern zunächst die Ursache zu erkennen. Ein häufiges Problem sind Pferde, die ihrem Menschen ständig zu nahe kommen. Sie drängeln, rempeln oder schieben ihn auf schmalen Wegen zur Seite. Dahinter können Unkonzentriertheit, Unsicherheit, Angst oder auch Dominanz stehen. Unabhängig von der Ursache gilt jedoch: Das Pferd sollte den Individualbereich seines Menschen respektieren und den vorgegebenen Rahmen beim Führen nicht verlassen.

Ebenso wichtig ist, dass sich das Pferd nicht dauerhaft von seiner Umgebung ablenken lässt. Richtet es seinen Blick ständig auf Spaziergänger, Hunde oder andere Reize, fehlt die Konzentration auf den Menschen. Peter Kreinberg empfiehlt deshalb, diese gezielt einzufordern. Dabei wechseln sich Phasen, in denen das Pferd aufmerksam beim Menschen sein soll, mit Phasen ab, in denen es seine Umgebung wahrnehmen darf. So lernt es, auf ein bestimmtes Signal wieder den Fokus auf seinen Führenden zu richten.

Pferd ist beim Führen abgelenkt

Manche Pferde lassen sich leicht ablenken – Beschäftigung hilft. (© Christiane Slawik)

Warum trödelt ein Pferd beim Führen?

Manche Pferde bleiben unterwegs ständig stehen, greifen nach Gras oder möchten den vorgegebenen Weg verlassen. Auch hier sollte der Rahmen klar definiert sein. Während des Führens folgt das Pferd dem vorgegebenen Weg und Tempo. Verlässt es diesen Rahmen, genügt ein kurzer Impuls über das Halfter, damit es wieder seine Position einnimmt.

Das Gegenteil sind Pferde, die hinter ihrem Menschen zurückbleiben und sich ziehen lassen. Ein Spaziergang wird dadurch schnell anstrengend, denn das Pferd sollte nicht dauerhaft hinterhergezogen werden. Bleibt es zurück, kann ein Kommando in Verbindung mit einem leichten Impuls über den Führstrick helfen, wieder aufzuschließen. Dahinter steckt jedoch nicht immer mangelnder Fleiß. Häufig fehlt dem Pferd schlicht die Beschäftigung. Wird der Spaziergang regelmäßig durch kleine Übungen unterbrochen, steigt oft auch seine Motivation.

Mit welchen Übungen bleibt das Pferd aufmerksam?

Spaziergänge müssen nicht aus gleichmäßigem Geradeauslaufen bestehen. Durch Unterbrechungen für Übungen bleibt das Pferd geistig gefordert und beschäftigt sich weiterhin mit seinem Menschen. Zu den grundlegenden Übungen gehören Anhalten, Antreten, Wendungen und das Rückwärtsrichten.

Letzteres versteht Peter Kreinberg als Gehorsamkeitsübung. Sie kommt beispielsweise dann zum Einsatz, wenn das Pferd seinen Menschen mit Kopf oder Körper bedrängt und dessen Individualbereich überschreitet. In dieser Situation sollte es zunächst an der Seite touchiert und gegebenenfalls mit einem deutlichen „Nein“ angesprochen werden. Konsequenz ist dabei entscheidend, damit das Pferd den Menschen wieder als die agierende Instanz wahrnimmt.

Auch die Position des Menschen spielt beim Führen eine wichtige Rolle. Ob auf Höhe des Kopfes, des Halses oder der Schulter gegangen wird, hängt davon ab, welche seitliche Einwirkung erzielt werden soll. Bei schreckhaften Pferden empfiehlt Peter Kreinberg die Position an der Schulter. Dort ist die Gefahr geringer, dass das Pferd den Menschen umstößt oder ihm bei einer Schreckreaktion in den Rücken springt.

Pferd drängelt beim Führen

Dieses Pferd drängelt und gefährdet so den Menschen. (© IMAGO)

Welche Vorteile bieten Waldwege und Wiesen?

Waldwege, Wiesen und andere unebene Untergründe bringen zusätzliche Abwechslung in den Spaziergang. Gleichzeitig fördern sie die Trittsicherheit und beanspruchen andere Muskelgruppen als ein gleichmäßiger Reitboden. Sabine Ellinger empfiehlt deshalb, regelmäßig auch außerhalb von Halle und Platz zu trainieren – selbstverständlich nur dort, wo dies erlaubt ist.

Übungen wie das Übertreten kleiner Äste, das Umgehen von Bäumen oder das Vor- und Rückwärtsgehen an Hängen fördern zusätzlich die sensomotorischen Fähigkeiten des Pferdes. So wird aus einem einfachen Spaziergang eine abwechslungsreiche Trainingseinheit. Unterschiedliche Aufgaben fordern das Pferd körperlich und geistig gleichermaßen und sorgen dafür, dass das Führen nicht zur Routine wird.

Wie lässt sich ein Pferd sicher führen?

Wer mit seinem Pferd spazieren geht, trägt die Verantwortung – für das Tier, aber auch für andere Menschen und die Umgebung. Deshalb sollte das Pferd bereits vor dem ersten Ausflug zuverlässig auf die Signale seines Menschen reagieren. Nur so lässt es sich auch in unerwarteten Situationen sicher führen. Zur Sicherheit gehört auch die passende Ausrüstung. Peter Kreinberg betont zwar, dass Sicherheit nicht gekauft werden kann, sondern vor allem durch eine gute Ausbildung von Mensch und Pferd entsteht. Dennoch muss das Pferd im Ernstfall zuverlässig kontrolliert werden können.

Rechtsanwalt Stephan Pahl hält bei bekannten Pferden das Führen mit Halfter und Führstrick grundsätzlich für sachgerecht. Die beste Einwirkungsmöglichkeit biete jedoch eine Trense. Vom freien Mitlaufen ohne Halfter und Führstrick rät er ausdrücklich ab. Pferde sollten grundsätzlich kurz am Strick oder Zügel geführt werden. Auch wer seinem Pferd vertraut, sollte sich nicht in falscher Sicherheit wiegen. Peter Kreinberg berichtet von schweren Unfällen, bei denen Pferde frei neben ihren Menschen liefen. Unerwartete Reaktionen lassen sich nie vollständig ausschließen. Umso wichtiger ist es, das Risiko nicht unnötig zu erhöhen.

So werden Spaziergänge sicher und entspannt

Ein Spaziergang ist weit mehr als eine willkommene Abwechslung vom Trainingsalltag. Beim Führen entscheidet sich, wie gut die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Pferd funktioniert. Klare Signale, gegenseitiges Vertrauen und eine verlässliche Kommunikation schaffen die Grundlage dafür, auch ungewohnten Situationen gelassen zu begegnen.

Gleichzeitig bieten Spaziergänge zahlreiche Möglichkeiten, das Pferd körperlich und geistig zu fördern. Kleine Übungen, wechselnde Untergründe und neue Eindrücke bringen Abwechslung in den Alltag und festigen das Zusammenspiel zwischen Mensch und Pferd. Wer die Grundlagen des Führens konsequent erarbeitet, schafft damit die Voraussetzung für entspannte und sichere Spaziergänge.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert