Jiska van den Akker mit dem Pferd Totilas auf einem Turnier © Frieler

Unter Jiska van den Akker beginnt Totilas’ Karriere im Viereck.

Totilas elektrisierte die Pferdewelt wie kaum ein anderes Pferd zuvor. Schon früh fiel der am 23. Mai 2000 bei Jan und Anna Schuil in den Niederlanden geborene Hengst auf. „Seine Haltung war sofort da“, erinnerte sich Züchter Jan Schuil später an den ersten Weidegang des jungen Rappen. Der Sohn des Trakehners Gribaldi wurde auf den Namen Totilas getauft – eine Hommage an die Trakehnerzucht.

2005 begann Totilas’ Karriere unter Jiska van den Akker. Bei der Weltmeisterschaft der jungen Dressurpferde belegte er Rang vier. Ein Jahr später übernahm Edward Gal die Ausbildung des Hengstes – der Beginn einer Partnerschaft, die den Dressursport verändern sollte.

Das Pferd Totilas als Fohlen

Am 23. Mai 2000 wurde das besondere Pferd Totilas geboren. (© Privat)

Vom Nachwuchspferd zum Weltstar

Spätestens nach dem Sieg im Prix St. Georges beim CHIO Aachen 2008 war klar: Dieses Pferd ist außergewöhnlich. 2009 folgte der endgültige Durchbruch. Totilas stellte mit Edward Gal mehrere Weltrekorde auf, gewann Teamgold bei der Europameisterschaft in Windsor sowie Einzelgold in der Kür.

Die Richter vergaben Zehnen für Piaffen und Passagen, Zuschauer standen dicht gedrängt an den Abreiteplätzen, und der Dressursport erreichte plötzlich Menschen weit über die klassische Pferdewelt hinaus.

Kein anderes Pferd war wie Totilas

Totilas war ein Star und so ist er aufgetreten – in der Prüfung und der Siegerehrung. Noch nie hat ein Pferd so viele Leute angezogen. – Frank Kemperman, ehemaliger CHIO-Aachen-Turnierleiter –

2010 erreichte der Hype seinen Höhepunkt. Totilas gewann das Weltcup-Finale sowie dreimal Gold bei den Weltreiterspielen in Kentucky. In Aachen musste das Dressurstadion wegen des Besucheransturms zeitweise abgeriegelt werden. Totilas war nicht mehr nur ein Pferd – er war ein globales Phänomen.

Totilas nach Turnier mit Schleife

Mit Totilas wurde ein Sieg beim Weltcup-Finale sowie Team- und zweimal Einzelgold bei der WM in Kentucky (USA) geholt. (© FEI)

Zwischen Bewunderung und Kritik

Doch mit den Erfolgen kamen auch die Diskussionen. Der Bewegungsablauf des Rappen polarisierte. Bereits 2009 wurde eine weltweite Debatte über Trainingsmethoden und moderne Dressur ausgelöst. Trotz aller Kritik blieb die Faszination ungebrochen.

„Er war ein magisches Pferd, dem wir alle aus dem Dressursport so viel zu verdanken haben“, sagte Dressurausbilder Carl Hester später über Totilas. Auch Edward Gal sprach immer wieder von einer besonderen Verbindung: „Man kann nur so gut sein, wenn man eine innere Verbindung hat wie mit einem besten Freund.“ Gerade diese Mischung aus sportlicher Perfektion, enormer Präsenz und emotionaler Aufladung machte Totilas einzigartig. Er war „Populär wie ein Popstar“, wie ihn später eine Reportage beschrieb.

Wie Totilas zum teuersten Pferd der Dressur wurde

Im Oktober 2010 änderte sich alles. Nach den Weltreiterspielen wurde bekannt, dass Totilas verkauft worden war. Käufer: Paul Schockemöhle. Über die Summe wurde jahrelang spekuliert, offiziell bestätigt wurde sie nie. Medien berichteten von einem zweistelligen Millionenbetrag – ein bis dahin kaum vorstellbarer Wert für ein Dressurpferd.

Kurz darauf wurde Matthias Alexander Rath als neuer Reiter präsentiert. Der Druck auf das neue Paar war enorm. Die Niederländer reagierten enttäuscht auf den Verkauf ihres „Nationalhelden“, gleichzeitig erwartete die Öffentlichkeit sofortige Erfolge.

Warum der Neustart so schwierig war

2011 gelang zunächst ein vielversprechender Einstieg. Rath und Totilas gewannen Grand Prix, Special und Kür beim CHIO Aachen sowie die Deutsche Meisterschaft in Balve. Doch die erhoffte Dominanz blieb aus. Bei der Europameisterschaft in Rotterdam gab es lediglich Bronze mit der Mannschaft, in den Einzelwertungen verpasste das Paar die Medaillen.

Der niederländische Zuchtexperte Johan Knaap formulierte später rückblickend einen entscheidenden Punkt: „Das Besondere am Pferdesport ist, dass man nicht nur zwei Individuen braucht, die viel Talent haben, sondern dass diese zwei Individuen auch gemeinsam Klick machen müssen. Genau diese Zeit hat die Umwelt dem neuen Paar nicht gegeben.“

Matthias Alexander Rath auf dem Pferd Totilas

Matthias Alexander Rath und Totilas konnten nicht richtig miteinander warm werden. (© Stefan Lafrentz)

Das Karriereende von dem besonderen Pferd Totilas

Die folgenden Jahre waren geprägt von Rückschlägen:

  • 2012 verhinderte das Pfeiffersche Drüsenfieber von Matthias Alexander Rath den Start bei Olympia. Immer wieder war Totilas verletzt, Turnierpausen unterbrachen die Karriere.
  • 2014 schien das große Comeback gelungen. Mit Siegen in Kapellen, Wiesbaden und Aachen meldete sich das Paar eindrucksvoll zurück. Doch erneut stoppte eine Verletzung die Karriere.
  • 2015 folgte der wohl traurigste Moment der Totilas-Geschichte. Trotz deutlicher Zweifel an seiner Fitness wurde der Hengst bei der Europameisterschaft in Aachen vorgestellt. Bereits auf dem Abreiteplatz wirkte er hinten ungleich. Im Grand Prix wurde die Taktunreinheit sichtbar, dennoch klingelten die Richter nicht ab. Rath ritt die Prüfung zu Ende.

Abschied vom großen Sport

Später diagnostizierten Tierärzte ein Knochenödem im linken Hinterbein. Vier Tage danach wurde das Karriereende verkündet.

Leider stand die gemeinsame sportliche Karriere von Matthias Alexander Rath und Totilas von Beginn an unter keinem glücklichen Stern. – Dr. Dennis Peiler, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Reiterlichen Vereinigung –

Das Pferd Totilas wird zum Zuchtphänomen

Auch nach seinem Karriereende blieb Totilas eine prägende Figur der Dressurwelt. Während seine sportliche Laufbahn polarisiert hatte, entwickelte sich sein Einfluss in der Zucht immer deutlicher. Anfangs waren viele Züchter enttäuscht. Nicht jedes Fohlen entsprach den gigantischen Erwartungen, die mit der hohen Decktaxe verbunden waren. Doch mit zunehmendem Alter der Nachkommen änderte sich das Bild.

Totilas ist nicht unbedingt ein Fohlenmacher. Aber sobald seine Nachkommen geritten werden und fünf- oder sechsjährig sind, ist seine Vererbungskraft außergewöhnlich. – Paul Schockemöhle –

Warum die Nachkommen so besonders sind

Besonders auffällig seien Rittigkeit, Arbeitsbereitschaft und Sensibilität. Oldenburgs Zuchtleiter Dr. Wolfgang Schulze-Schleppinghoff brachte es auf den Punkt: „Was dieser Hengst zwischen den Ohren hat, das ist das Besondere an ihm.“

Mit Söhnen wie Governor, Glock’s Toto Jr., Total U.S. oder Topas etablierte sich Totilas schließlich auch dauerhaft als bedeutender Dressurvererber. Viele seiner Nachkommen wurden gekört, gewannen Championate oder machten international auf sich aufmerksam.

Totilas im Porträt

Es gab noch kein zweites Pferd wie Totilas. (© Holger Schupp)

Warum das Pferd Totilas bis heute einzigartig bleibt

Im Dezember 2020 starb Totilas infolge einer Kolik. Doch sein Einfluss auf den Dressursport bleibt bis heute spürbar. Er stellte Weltrekorde auf, füllte Stadien und brachte Menschen zum Dressursport, die zuvor nie ein Viereck verfolgt hatten. Gleichzeitig löste er Diskussionen aus, die den Sport nachhaltig prägten.

Vielleicht beschreibt genau dieser Widerspruch Totilas am besten: ein Pferd zwischen Genie und Kontroverse, zwischen Bewunderung und Kritik. Sicher ist nur, dass es ein zweites Pferd wie ihn bisher nicht gegeben hat.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert