Lymphdrainage: Gezielte Behandlung und Nebeneffekt beim Putzen
Mit den richtigen Handgriffen können nicht nur verspannte Muskeln und Blockaden gelöst werden – auch Probleme mit dem Lymphsystem lassen sich beheben. Das Schöne dabei: Schon beim Putzen kann man den Lymphfluss aktivieren.
Wer sein Pferd in einer bestimmten Reihenfolge und speziellen, kreisförmigen Bewegungen putzt, aktiviert so den Lymphfluss.
Wie ein Netzwerk durchzieht das Lymphsystem den Pferdekörper und übernimmt lebenswichtige Aufgaben – unter anderem transportiert es die Proteine, die aus dem Blutsystem kommen, wieder zurück ins Blut. Funktioniert das System nicht richtig, entsteht ein Stau und die Lymphe verbleibt im Gewebe: Es kommt zu einer Schwellung. Gewebsverhärtungen können sich bilden, die für die chronische Form des Lymphödems verantwortlich sind. Mit der Manuellen Lymphdrainage (MLD) lassen sich solche Beschwerden beim Pferd lindern.
Anders als in der Humanmedizin ist die MLD in der Veterinärmedizin gesetzlich nicht geregelt oder geschützt. Es gibt keinen Facharzt für Lymphologie. Fachkräfte können eine Zusatzqualifikation erwerben und sich zum Lymphtherapeuten (Tierarzt, Masseur oder Physiotherapeut mit MLD-Ausbildung) schulen lassen.
Wie wirkt eine Lymphdrainage beim Pferd?
Die MLD ist immer eine begleitende Therapieform, aber es ist wichtig, bei einer Erkrankung den Lymphtherapeuten frühzeitig zu verständigen, nicht erst im fortgeschrittenen Stadium einer Phlegmone.
Je früher die Manuelle Lymphdrainage ansetzt, umso besser sind die Chancen auf einen Heilungserfolg. – Prof. Dirk Berens von Rautenfeld –
Das Grundprinzip der Behandlung: Entstauung des Gewebes. Das bedeutet, der Lymphfluss wird wieder in Gang gebracht, um Flüssigkeitsansammlungen (Schwellungen, Ödeme, Phlegmone) abbauen zu können. Dabei ist die Therapie gegliedert in die vier Säulen der komplexen physikalischen Entstauungstherapie. Jede Säule ist wichtig, nur in Ausnahmefällen ist es vertretbar, nur eine bzw. nicht alle Therapiemaßnahmen anzuwenden.
Am besten ist gezielte Bewegung (ca. vier Stunden Training) und ausgiebiger Weidegang. (Fieberpatienten nur Schritt führen, frisch operierte Pferde nicht bewegen.)
Die in der Muskulatur eingebetteten tiefen Kollektoren, die die Lymphe sammeln, werden zur Entleerung angeregt (sehr effektiv im Bereich der Gelenke).
Durch die forcierte Atmung fördert die Atempumpe den Lymphfluss.
Manuelle Lymphdrainage beim Pferd: Wo anfangen?
Am Beispiel eines erkrankten Beines: Bei der MLD wird das Pferd in einer bestimmten Reihenfolge und mit Grifftechniken in kreisförmigen Bewegungen behandelt, die großflächigen Druck ausüben. Dadurch wird die Kontraktion der Lymphgefäße ausgelöst, was den Lymphfluss anregt. Der Effekt auf die Lymphbildung und den -transport hält auch noch Stunden nach der MLD-Behandlung an.
Allerdings hängt der Erfolg enorm von der Berufserfahrung, der Grifftechnik und der Fingerfertigkeit des Therapeuten ab. Einen korrekt arbeitenden Lymphtherapeuten kann man u.a. daran erkennen, dass er die MLD-Behandlung nicht im Bereich der erkrankten Extremität, sondern an Hals und Rumpf in der Regel auf der linken Seite einleitet. Er beginnt am Ende des Lymphsystems, um einen Sog auf die gestauten Lymphgefäße im erkrankten Bein anzuregen („zentrale Vorbehandlung“). Erst dann kommt die „periphere Behandlung“.
Lymphdrainage beim Pferd: Häufige Fehler
„Es wäre ein Kunstfehler, wenn der Therapeut im erkrankten Bereich beginnt“, betont Prof. von Rautenfeld. Denn: Innerhalb des Lymphödems sind die erkrankten Lymphsammelgefäße überfüllt, die Muskelzellen in der Wand der Lymphgefäße funktionieren nicht und mit den MLD-Griffen können die gedehnten Muskelzellen nicht oder zu wenig zur Kontraktion angeregt werden. Prof. von Rautenfeld zieht einen Vergleich heran: „Ein Autobahnstau löst sich nicht auf, indem immer mehr Fahrzeuge auf das Stauende auffahren. Vielmehr muss die Ursache am Stauanfang gelöst werden.“
Die Vorbehandlung kann je nach Schwere der Erkrankung ein bis zwei Wochen beanspruchen. Im Schnitt dauert eine Behandlung ca. 45 Minuten, an der Sehne rund 20 Minuten und präventiv kann in zwei bis fünf Minuten etwas erreicht werden.
Vorsicht: Der Einsatz einer MLD-Therapie birgt das Risiko einer Keimverschleppung und sollte nicht bei Pferden mit erhöhter Körpertemperatur durchgeführt werden. Ist der Lymphtherapeut kein Tierarzt, ist es wichtig, dass ein möglichst lymphologisch geschulter Tierarzt den Behandlungsverlauf begleitet.
Kompressionsverband oder Kompressionsstrumpf?
Die Kompressionstherapie beginnt nach der MLD, da ansonsten die Eiweiße nicht abtransportiert werden könnten. Es wird ein lymphologischer Kompressions(säulen)verband verwendet, der aufwändig und teuer ist, allerdings nicht durch Bandagen oder tierärztliche Verbände ersetzt werden kann. Er soll gezielt Druck auf das ödematisierte Gebiet ausüben und wirkt vor allem auf das Lymphdrainagesystem. Auch die Blutbahnen sind betroffen. Die venöse Strömungsgeschwindigkeit wird erhöht.
Das Anlegen des Verbandes muss sorgfältig erlernt werden. Am besten geeignet sind geringgradig dehnbare Bandagen (Kurzzugbinden). Der Verband sollte Säulencharakter haben, er darf das Bein auf keinen Fall abschnüren, darf nicht rutschen und muss dem Pferd trotzdem Bewegung ermöglichen. Der Verband wird durch Baumwollrollenwatte gepolstert. Vor allem Gelenke, Knochenvorsprünge und der Kronsaum müssen geschützt sein. Der Ruhedruck (von Bandagen permanent ausgeübter Druck) sollte möglichst gering sein kombiniert mit dem Arbeitsdruck (in der Bewegung wirkender Druck).
Für welche Pferde eignen sich Kompressionsstrümpfe?
Kompressionsstrümpfe führen zwar auch zu Ödemabnahmen, verstärken aber eiweißbedingte Gewebeverhärtungen. Deshalb sind sie nur geeignet zur Nachbehandlung oder zur Vorbeugung bei Pferden, die zu angelaufenen Beinen neigen. Die Vorteile eines Kompressionsstrumpfes: Lymphologisch geeignete Bandagen sind einfacher in der Handhabung als ein Kompressionsverband, lange verwendbar und behindern im Vergleich zu Stallbandagen den Lymphfluss nicht. Wichtig ist, dass der Strumpf optimal am Bein sitzt.
Er sollte nicht bei Pferden mit chronischer Phlegmone benutzt werden (hier ist ein Kompressionsverband unumgänglich), außer um bei Nässe das Verbandsmaterial zu schützen. Nicht eingesetzt werden dürfen Kompressionsstrümpfe außerdem bei Fieber, bei Einschusspatienten oder wenn die Haut vermehrt warm ist – hier besteht die Gefahr einer Keimverschleppung in Lymphgefäßen.
Haut und Hufe richtig pflegen
… ist ganz wichtig. Dazu gehört: der tägliche Wechsel der Einstreu, um die Gefahr von Einschüssen zu minimieren. Gleiches gilt für die Pflege des Hufsaums zum Schutz des Hornbildungsmechanismus, da es beim chronischen Lymphödem zu ausgeprägten Veränderungen der Hornkapsel kommen kann. Haut- und Haarpflege vor allem im Bereich eines Verbandes (anfällig für Irritationen, Entzündungen) ist immer erforderlich.
Alternativen zur Lymphdrainage beim Pferd
Die apparative intermittierende Kompressionstherapie (AIK) ist eine maschinelle Methode der Lymphdrainage mit geklammerten Manschetten. Die Nachteile: Die Vorbehandlung entfällt und die Anpassung der Manschette am Bein ist schwierig.
Außerdem gibt es auf dem Markt Kompressionsbandagen mit flexibler Zone im Fesselbereich und Lymphtapes (zum Beispiel Equi Crown).
Den Lymphfluss anregen sollen auch diverse Kräuter wie Brennnessel, Löwenzahn, Hagebutte, Weißdorn, Goldrute oder Bruchkraut.
Das Schüßler Salz Nr. 12, Calcium sulfuricum, wird angewendet bei Entzündungen sowie bei Schwellungen der Lymphknoten.
Kann Putzen den Lymphfluss fördern?
Jeder Reiter und Pferdebesitzer hat die Möglichkeit, auch selbst etwas für das Lymphsystem eines gesunden Pferdes zu tun: das Pferd putzen – die Experten nennen das „equines Lymphdrainageputzen“. Alles was man dazu braucht ist ein Gummistriegel oder ein Putzhandschuh und eine Kardätsche. Entscheidend sind dann die Reihenfolge des Putzvorgangs und das Putzen in Richtung der Lymphgefäßverläufe. Der Druck ist derselbe wie beim „normalen“ Putzen.
Das Lymphdrainageputzen beginnt wie die Manuelle Lymphdrainage mit kreisförmigen Bewegungen des Striegels links an der Halsbasis, um den zentralen Lymphabfluss der Hinterbeine, der Beckenhöhle und des Bauchraumes zu beschleunigen in Richtung der zentralen Schlüsselstellen zwischen Hals und Schulter sowie über den Flanken.
So funktioniert das Lymphdrainage-Putzen beim Pferd
Die Hauptbehandlung mit dem Striegel erfolgt durch kreisförmige oder spiralförmige, flächige Anwendungen. Das „Sauberputzen“ des Pferdes mit der Kardätsche entspricht dem Ausstreichen der Lymphgefäße in Lymphflussrichtung, erst gegen die Fellrichtung in langen Bahnen von hinten nach vorn und dann das Ganze in Richtung des Fellwuchses. „Das Lymphdrainageputzen ist präventiv eine gute Idee“, so Professor Dirk Berens von Rautenfeld.
„Durch die kreisförmigen Bewegungen gibt man einen Impuls auf das Lymphsystem, es wird trainiert. Außerdem entwickelt der Pferdebesitzer ein Verständnis für das Lymphsystem und die Manuelle Lymphdrainage. Das Problem ist häufig nur, dass viele ihr Pferd gar nicht mehr oder nicht richtig putzen.“ Im Rahmen des Europäischen Seminars für equine Lymphdrainage (E.S.E.L.) gibt es für Reiter und Pferdebesitzer ohne berufliche Vorkenntnisse die Möglichkeit, ein Seminar für Lymphdrainageputzen zu belegen.