Das Worst-Case-Szenario tritt ein und der Pferdestall brennt. Was müssen Helfer jetzt wissen?
Feuerkatastrophen allüberall: In Spanien und Frankreich, in Griechenland, Italien und der Türkei toben Waldbrände von schier unfassbaren Dimensionen; In Großbritannien wütet ein Feuer in brenzliger Nähe zum Atomkraftwerk, gefährliche Brandnester glühen am Wilden Kaiser und der Nationalpark Müritz geht in Flammen auf. Tragödien für Mensch und Tier!
Pferde fliehen vor den Flammen
Pferde sind Fluchttiere – wenn sie können, fliehen sie bei Gefahr, laufen in hohem Tempo weg. Auch bei Feuer suchen sie Rettung in der Flucht – eindrucksvoll zu sehen auf dem tausendfach geklickten Video einer Pferdeherde, die über die Hauptstraße von Biscarrosse, Frankreich, in Richtung rettenden Strand, galoppiert. Marine Champeval und ihr Mann Rémy d´Aambroso blicken mit Schrecken auf den Tag, als das Feuer über die Hügel kam:
Wir haben einen großen Reitstall mit über 100 Pferden. Als wir sahen, dass die Flammen immer näher kamen, haben wir sofort mit der Evakuierung begonnen. Aber das Feuer war schneller als wir. Wir hatten keine Chance, alle Pferde an einen sicheren Ort zu bringen.
So Marine Champeval, noch sichtbar gekennzeichnet von der gerade überstandenen Feuer-Katastrophe. In ihrer Verzweiflung öffneten die beiden dann einfach die Boxentüren der letzten Pferde. Der Rest ist dokumentierte Geschichte. Kein Pferd kam bei der Stampede in der Region um Bordeaux zu Schaden.
Kein Entkommen? Pferde in Boxenhaltung
Können Pferde – wie im Falle der Boxenhaltung – nicht selbstständig vor Feuer fliehen, geraten sie spätestens wenn sie den beißenden Rauch wittern, in Panik, und können dabei auch den Rettern gefährlich werden. Ideal ist natürlich, wenn jede Box eine von außen zugängliche Tür hat, die einfach geöffnet wird, um das Pferd zu retten. Das Ganze wenn noch möglich: ruhig und geordnet, aufgehalftert und geführt. Ein bewährter Trick bei nervösen Pferden: Legen Sie ihm als Sichtschutz eine Decke über den Kopf, so dass es Ihnen gewissermaßen „blind“ folgt.
Ist das Betriebsgelände umzäunt oder sind zumindest keine größeren Straßen oder Schienen in direkter Umgebung, kann man die Pferde einfach in die rettenden Freiheit scheuchen.
Bein Evakuieren in Panik geratener Pferde reicht häufig allerdings nicht, sie einfach aus dem Stall zu treiben, weil sie dazu neigen, dorthin zu flüchten, wo sie sich vermeintlich sicher fühlen – sprich in den brennenden Stall. Der Weg zurück in die Feuerhölle muss ihnen – wie auch immer – abgeschnitten werden.
Bei der Offenstallhaltung können Pferde ja zumindest einen Minimalabstand beispielsweise zu brennenden Unterständen halten, aber auch sie müssen natürlich bei entsprechenden Möglichkeiten weg vom brennenden Betrieb gebracht werden.
Wirklich gefährliche und unterschätzte Feuer-Fallen sind Paddockboxen, deren Umgrenzung aus festem Stahlrohr bestehen ohne zusätzliches Tor auf das Betriebsgelände. Brennt es im Stall, ist kein Pferd zu bewegen, zurück in das rauchende Stallgebäude zu gehen, um sich hier durch die Boxentür in Sicherheit bringen zu lassen. Die Feuerwehr müsste also mit schwerem Gerät die Paddock-Metallkonstruktionen niederreißen, um die Pferde aus der Gefahrenzone zu bringen.
Freie Wege
Um im Notfall die Löscharbeiten nicht zu behindern, muss stets dafür gesorgt werden, dass die Feuerwehr ihren Einsatz ungestört und effektiv durchführen kann. Herumstehende Arbeitsgeräte und falsch geparkte Fahrzeuge sollten deshalb immer aus dem Weg geräumt sein! Auch sollte immer ein Evakuierungsplan vorliegen. Es sollte also bereits im Vorfeld überlegt sein, wo, oder auch bei wem man Pferde bei einem Brand schnell in Sicherheit bringen kann. Hilfreich ist natürlich, ganz grundsätzlich so eine Art Rettungswege-System anzulegen. Das geht mit mobilen Zäunen, die dann eine entsprechende Trassierung zur Notweide bilden.
Was Eigentümer von kleineren privaten Anlagen häufig vergessen: Ihre Ställe müssen im Notfall zugänglich sein. Wer nämlich nur an den Schutz vor Diebstahl denkt und alle Schotten dicht macht, der verbarrikadiert sich eben auch vor Rettungskräften. Insofern muss zumindest immer jemand „Stalldienst“ haben, im Notfall erreichbar und in der Lage sein, die Tore zu einer Reitanlage und die Stallgebäude zu öffnen.
Rettung mit Hindernissen
Ist ein Feuer ausgebrochen, gilt immer und in jedem Fall: Menschenleben geht vor Pferdeleben und Heldentaten dürfen das eigene Leben nicht in Gefahr bringen!
Auch in höchster Not muss klar abgewogen werden: Ist es überhaupt noch möglich, die Pferde aus dem Stall zu bergen und wenn ja, in welchem Zeitrahmen. Besteht also augenscheinlich ausreichend Zeit, wählt man die geordnete Evakuierung. Drängt die Zeit, hat man keine Wahl und treibt kompromisslos ins rettende Draußen.

So schwer es auch sein mag, bei einer Tierrettung gilt: Das Menschenleben geht vor. (© AdobeStock / FATZI.AT)
Eine ganz besondere Situation ist die Rettung der Pferde durch die Feuerwehr. Dazu muss man wissen, dass heute die meisten Feuerwehrler nicht mehr viel von Pferden wissen, im Umgang ungeübt sind. Feuerwehrmann Kamil Choluj erzählt:
Vielfach haben die Retter auch einfach Angst vor den großen Tieren, die in Panik in ihren Boxen toben. Die Erwartung, die Einsatzkräfte könnten die Pferde also ihrerseits aufhalftern und aus dem Stall führen, ist eine ziemliche Illusion.
Als weitere große Stolperfalle bei der Rettung der Pferde durch die Feuerwehr entpuppen sich die diversen Schließmechanismen der Boxentüren. Nicht immer ist auf den ersten Blick klar erkennbar, ob gehoben, gedrückt, gezogen oder geschoben werden muss. Stellt man sich noch Zeitdruck und Sichtbehinderung hinzu, so sinken allein durch diesen Umstand die Chancen auf Bergung und Rettung immens.
Einsatz proben
Um auf den Ernstfall vorbereitet zu sein hilft nur: Proben. Da sollten Stallbesitzer und Einstaller selber hin und wieder den Rettungsablauf im Falle eines Feuers durchsprechen. Sie sollten wissen, wo auf der Anlage sich Feuerlöscher befinden, und wie diese zu benutzen sind. Auch, der beste Ort, die Pferde in Sicherheit zu bringen sollte bekannt sein.
Dann schlägt Kamil Choluj vor, die ansässige Feuerwehr in regelmäßigen Abständen einzuladen, um sie mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut zu machen und ihnen beispielsweise zu zeigen, wo sich Löschwasserkapazitäten befinden und wie genau sich die Boxentüren öffnen lassen. Auch baut man so die Scheu der Rettungskräfte zu den Pferden ein wenig ab. Darüber hinaus kann die Feuerwehr vor Ort wichtige Tipps zur Vorbeugung, Bekämpfung und zum richtigen Verhalten im Brandfall geben.
