Briannes größten Idole sind ihre Eltern.
Ihre größten Idole? Brianne Beerbaum muss nicht lange überlegen. „Das sind meine Mama und mein Papa, ganz klar!“ Kein Wunder: Mama Meredith Michaels-Beerbaum ist bis heute die einzige Frau, die jemals die Weltrangliste der Springreiter angeführt hat. Sie gewann Olympia-, WM- und EM-Medaillen und schrieb als erste Frau in einem deutschen Championatsteam der Springreiter Geschichte.
Geboren wurde Meredith in Kalifornien als Tochter eines Filmproduzenten. Doch statt Hollywood war Stallgeruch im Ponyclub angesagt. Nach einem Trainingsaufenthalt bei Paul Schockemöhle blieb sie in Deutschland und lernte Markus Beerbaum kennen und lieben. Die Hochzeit der beiden folgte 1998. Im selben Jahr wurde Markus, der „kleine Bruder des großen Ludger“, auch Team-Weltmeister in Rom. Die Partnerschaft der beiden ließ im Jahr 2010 auch Brianne das Licht der Welt erblicken.

Sportlich hoch hinaus: Brianne war früher laut eigener Aussage eher ängstlich, inzwischen wagt sie sich an höchste Sprünge heran. (© Stefan Lafrentz)
Ein Zuhause voller Geschichte
In diesem Moment wird uns bewusst, wie cool das für einen Teenager sein muss. Und auch wie schwierig es womöglich ist, dabei den eigenen Weg zu finden. Aber das verneint Brianne ausdrücklich. Sie habe niemals auch nur das kleinste bisschen Druck von ihren Eltern bekommen.
„Meine Mama hat mir immer gesagt, dass ich alles machen kann. Hauptsache, ich bin dabei glücklich. Ehrlich gesagt, hatte ich als Kind großen Respekt vor dem Springen und war immer sehr nervös. Ich bin auch über die niedrigsten Hürden immer ganz langsam geritten. Eigentlich ist es noch gar nicht lange her, dass ich mich mehr traue. Ich würde sagen, 2023 hat sich das verändert, und dann kam ich auch in den Children-Kader.“
Und wie kam die Veränderung zustande? „Ich denke, ich hatte mit Carlucci, meinem Einhorn, der zuvor mit Mynou Diederichsmeier Deutscher Meister wurde, und Baloutelli zwei tolle, erfahrene Lehrmeister, die mir viel Vertrauen geben konnten.“

Paradies für Pferd und Mensch: Familie Beerbaum lebt in Thedinghausen. Die Anlage hat sie einst von Gerd Wiltfang übernommen. (© Stefan Lafrentz)
Wie wohnt Brianne Beerbaum?
Brianne lebt in Thedinghausen, einer Gemeinde zwischen Verden und Bremen. Ursprünglich hatte der Hof Gerd Wiltfang gehört, dem Olympiasieger von München 1972 und Einzel-Weltmeister von 1978. Nach seinem frühen Tod wurden Meredith und Markus gefragt, ob sie die Anlage übernehmen würden. Sie stimmten zu und schufen ein Paradies. Die Rentner leben in einem eigenen Stalltrakt mit großem Paddock, wo sie ein und aus gehen können, wann immer sie wollen. Briannes Baloutelli genießt hier sein Rentnerdasein.
Genauso wie Le Mans. Der 31 Jahre alte Zweibrücker war sowohl mit Meredith als auch mit Markus erfolgreich. Ebenfalls von der Rentnerweide blickt uns Fibonacci entgegen, der mit Meredith bei den Olympischen Spielen in Rio Bronze gewann. „Sie haben hier alle ein richtig schönes, langes Leben“, freut sich Brianne. „Die Pferde meiner Eltern sind fast alle über 30 geworden, und ich hoffe, das darf ich mit meinen Pferden ebenfalls erleben.“

Stolze frisch gebackene Eltern: Markus Beerbaum und Meredith Michaels-Beerbaum im Jahr 2010 mit der gerade geborenen Brianne auf einem Turnier in Bad Oeynhausen. (© Alexandra Koch)
Ein Pferd, das jedes Wort versteht?
Die Sportpferde haben großzügige Boxen. Paddock und Weide sind ein tägliches Muss. Und dann gibt es noch etwas, was jeden Abend passiert: Brianne besucht ihre Pferde, spricht mit ihnen, sagt ihnen Gute Nacht. Einem ganz besonders: Carrero. „Ich erzähle ihm jeden Tag alles, was passiert ist. Und ich habe das Gefühl, dass er jedes Wort versteht. Carrero ist etwas ganz Besonderes.“
2024 gewann Brianne mit ihm EM-Einzel-Bronze. Was dann jedoch 2025 geschah, das jagt auch uns beim Gespräch eiskalte Schauer über den Rücken. „Dass er noch bei uns ist, das ist für uns alle ein riesengroßes Wunder“, beginnt Brianne. Sie muss schlucken.
Brianne Beerbaum gab ihr geliebtes Pferd nicht auf
„Alles begann damit, dass er vergangenes Jahr in Aachen nach dem ersten Tag über Nacht ein dickes Bein hatte. Das besserte sich über Wochen nicht, und schließlich konnte er auch nicht mit nach Florida mit uns reisen. Meine Eltern meinten, es wäre wohl besser, ihn gehen zu lassen. Das hat mein Herz zerrissen. Ich habe sie angefleht, dass wir noch warten sollten, dass ich mich verabschieden muss. Sie haben nach langem Zögern zugestimmt.
Und dann passierte das Wunder. Carrero ging es von diesem Tag an besser. Als wir zurückgekommen sind, habe ich gesehen, dass er weiterleben will. Erst gestern ist er wild buckelnd über die Weide gerast. Wenn ich mal nicht gut drauf bin, dann gehe ich zu ihm, kuschle mit ihm und weiß, dass alles halb so wild ist. Carrero ist am Leben. Alles ist gut. Gesundheit ist am wichtigsten. Alles andere kann man reparieren.“

Homestory bei den Beerbaums: Die Bilder entstanden in Thedinghausen im Jahr 2016, da war Brianne sechs Jahre alt. (© Stefan Lafrentz)
Als Jüngste zur Schlussreiterin
Während Carrero seinen Ruhestand genießt, reitet Brianne auf der Anlage der Familie Haunhorst im Juli zum vierten Mal bei einer Europameisterschaft. 2023 kam sie mit Team-Gold bei den Children nach Hause, 2024 mit Einzel-Bronze. 2026 war sie erstmals bei den Junioren dabei. Obgleich die Jüngste im Team, wurde sie als Schlussreiterin ausgewählt. „Unser Bundestrainer Eberhard Seemann hat mich schon bei meiner ersten Children-EM auf dieser Position eingesetzt“, berichtet Brianne. „Und mittlerweile kennen wir uns schon gut, und er weiß, dass ich mich damit wohlfühle.“
Nervenstark ist Brianne wie die Mama. „Meine Mama sagt immer, dass mein Vater für sie oft der Fels in der Brandung war. Und so ist das bis heute. Er sagt mir immer, ich solle ‚ganz ruhig bleiben‘. Das hilft mir. Grundsätzlich finde ich ohnehin, dass es ziemlich egal ist, was einem Leute in Drucksituationen sagen. Hauptsache, sie sind da. Ich war bei der EM in diesem Jahr richtig nervös, da ich keinen Abwurf haben durfte, sonst wäre Gold weg gewesen. Aber es hilft mir, so ein Gefühl mit anderen zu teilen. Und mir zu sagen: ‚Reite wie immer.‘“
Für Brianne Beerbaum zählt vor allem der Spaß
Ist es wirklich so einfach? Brianne überlegt. „Ich glaube, der Schlüssel ist vielleicht, dass ich Spaß habe. Es ist nicht ‚Ich muss jetzt null reiten‘, sondern ‚Ich darf bei diesem tollen Turnier dabei sein‘. Das macht was im Kopf. Man sieht mich auf den Videos oft ganz glücklich beim Reiten lächeln. So fühle ich mich dann bei aller Konzentration auch: Einfach nur voller Freude!“
Wenn ein Fehler passiert, ist das ja auch kein Weltuntergang. Wichtig ist nur, niemals aufzugeben und immer an sich zu glauben. Das hat mir meine Mama schon ganz früh mitgegeben.

Kaputter Arm, aber Glück im Herzen: Brianne war schon immer mittendrin statt nur dabei. Diese Aufnahme ist zehn Jahre alt und entstand auf dem CHIO in Aachen. (© Stefan Lafrentz)
Wenn der Vater Zweifel hat
Besonders findet Brianne an ihrem Vater Markus Beerbaum, dass er für jeden das ideale Pferd findet. „Er hat so ein spezielles Gefühl, wann es passt. Ich habe viel Vertrauen in ihn. Auch wenn ich selbst erst mal Schwierigkeiten mit einem Pferd habe.“
Und hat sie selbst auch schon mal ein Pferd gefunden, von dem der Papa nicht ganz so überzeugt war? „Ja, Zenzero!“ Brianne lacht. „Aber ich hatte mich in diesen Hengst verliebt. Ein bisschen später durfte ich ihn ausprobieren. Er ist nicht einfach und hat ganz viel Blut, aber wir haben gut zusammengefunden und sind mittlerweile bei Springen über 1,50 Meter erfolgreich.“
Wie Brianne Beerbaum vom Wissen ihrer Eltern profitiert
Trainiert wird Brianne hauptsächlich von ihrer Mutter. „Mein Papa ist viel unterwegs. Er reitet oft zehn Pferde am Tag und arbeitet härter als jeder Mensch, den ich kenne. Bei den wichtigen Turnieren ist er aber immer dabei. Da unterstützen mich beide nach Kräften. Mein Papa hat auf alles ein zweites Auge, was ich sehr hilfreich finde. Meine Mama reitet ja keine Turniere mehr und widmet sich daher ganz unserem Training.“
Brianne grinst. „Es sei denn, sie ist gerade auf dem Golfplatz. Das ist jetzt ihr großes Hobby. Mein Ding ist das gar nicht! Da springe ich lieber über meine eigenen Hindernisse als Ausgleichssport.“ Sie zeigt auf einen ganzen Parcours voller Hürden – für Menschen gebaut. „Das mache ich schon von frühester Kindheit an, und es ist nach wie vor ein Riesenspaß.“

Mit zum Reitturnier? Ja, aber bitte mit Spaß! Markus Beerbaum und Brianne 2018 beim Burgturnier in Nörten-Hardenberg. (© Stefan Lafrentz)
Große Chancen und eigene Träume
Kein Wunder: Im Stall warten so viele Pferde allein auf Brianne, dass sie andernorts eine Reitschule füllen könnten. Brianne ist sich der Möglichkeiten, die sie dank ihrer Eltern hat, sehr bewusst. „Mir ist klar, dass Geld und Kontakte viel möglich machen. Ich weiß nicht, was ich ohne meine Eltern machen würde“, meint sie nachdenklich.
„Daher ist es auch mein Ziel, etwas an die Welt zurückzugeben. Ich bin jetzt in der elften Klasse und noch hin und her gerissen, was genau ich später machen möchte. Allerdings weiß ich, dass ich nicht ausschließlich reiten will. Der Sport soll immer ein Teil meines Lebens bleiben, aber ich habe das Ziel, dass es darüber hinaus geht.“
Welche Pläne Brianne Beerbaum hat
Aktuell besucht Brianne die Internationale Schule in Bremen. Ihre Lieblingsfächer sind Wirtschaft und Mathe, erzählt sie. Neben diesen beiden Optionen erwägt sie auch ein Studium im sprachlichen Bereich. Am liebsten würde Brianne ins Ausland gehen.
„Ich weiß, dass es teuer ist und ein sehr weiter Weg, aber ich würde gerne an einer US-Uni studieren. Im Herbst schauen wir uns einige Unis an der Ostküste an. Es wäre für mich ein Traum, dort das Studium mit dem Sport zu verbinden. Aber es gibt auch sehr gute andere Optionen, vielleicht Großbritannien.“

Ein tolles Mutter-Tochter-Gespann: Brianne sieht ihre Mutter Meredith Michaels-Beerbaum als ein großes Vorbild. (© Stefan Lafrentz)
Von Pferden bis zur Harfe
Wenn Brianne einmal – was selten vorkommt – nach der Schule nicht auf dem Pferderücken zu finden ist, liest sie oder spielt auf ihrer Harfe. Das Instrument hat sie schon als kleines Kind begeistert. „Damals spielte ich noch Klavier. Aber in einem Hotel in Doha haben wir jeden Abend eine Harfenspielerin gesehen. Und ich war so fasziniert, dass ich meine Eltern so lange gelöchert habe, bis wir eine Harfe und einen Harfenlehrer finden konnten. Ich reise unheimlich gern und finde es wichtig, andere Länder und Kulturen zu erleben.“
„Es ist wirklich ein großes Privileg, die Welt zu sehen. Ich war schon als Baby mit meinen Eltern bei der WM in Lexington. Meine heutige Pflegerin Ninna zeigt mir gern die Bilder, wie ich mit der Deutschlandfahne all die anderen Zuschauer ärgere. Ninna ist seitdem meine beste Freundin. Sie war schon lange Groom bei uns, wurde dann meine Nanny und schließlich die Pflegerin meiner Pferde. Auch unsere andere Hauptpflegerin Anu war schon da, als ich geboren wurde, und ist es bis heute. Sie geben den Pferden so viel Liebe.“
So verbringt Brianne Beerbaum ihre freie Zeit
Aber zurück zum Reisen. „Ich bin in mancher Hinsicht eher ängstlich. Ich mag beispielsweise keine Achterbahnen und schon gar nicht, wenn sich etwas überschlagen würde. Aber ich liebe es, ferne Länder zu entdecken. Ganz toll fand ich beispielsweise unsere Safari in Afrika und die Malediven. Oder unseren Besuch am Polarkreis in Finnland. Eigentlich überall, wo man erfahren kann, dass die Natur den Menschen nicht braucht, aber der Mensch die Natur in jeder Hinsicht, um zu überleben.“
Alljährlich ist sie mit ihrer Familie in Wellington. „Ich muss zugeben, dass ich es auch toll finde, dass ich dort online zur Schule gehen kann. Daher bin ich schon mittags fertig und kann ganz viel Zeit mit meinen mitgereisten Pferden verbringen.“ In Deutschland geht das nur in den Ferien. „Aber dann bin ich den gesamten Tag im Stall. Nicht nur reiten, sondern auch unseren Pflegern helfen, mit den Pferden kuscheln, ganz viel Zeit mit ihnen verbringen. Ich bemerke in jeden Sommerferien, dass sich die Bindung mit meinen Pferden über diesen Zeitraum deutlich intensiviert.“

Dankbar für das Wunder: Briannes Pferd Carrero wäre beinahe schon über die Regenbogenbrücke gegangen, aber er hat es geschafft, und die beiden sind immer noch eng verbunden. (© Privat)
Olympia oder Familienhof?
Viel Freude hat sie nämlich daran, ihre jungen Pferde unter Anleitung der Eltern selbst auszubilden. „Es ist das schönste Gefühl, mit ihnen zusammenzuwachsen und jeden kleinen Erfolg zu feiern.“ Und wo sieht sie sich in zehn Jahren? Brianne lacht. „Natürlich sind die Olympischen Spiele oder überhaupt ein Championat ein ganz großer Traum von mir. Aber viel wichtiger ist für mich, dass meine Pferde hier glücklich sind und ich den Hof und damit das Lebenswerk meiner Eltern weiterführen kann.“