Strahlende Para-Reiterinnen in Aachen (von links): Katrine Kristensen aus Dänemark, Heidemarie Dresing aus Deutschland und Jemima Green aus Großbritannien. © Stefan Lafrentz

Strahlende Para-Reiterinnen in Aachen (von links): Katrine Kristensen aus Dänemark, Heidemarie Dresing aus Deutschland und Jemima Green aus Großbritannien.

Im Viereck sieht es so mühelos aus, aber bei der Para-Dressur ist die Vorstellung in Aachen bei der Weltmeisterschaft das Ergebnis einer gemeinsamen Entwicklung. Training bedeutet nicht nur, Lektionen einzustudieren. Es geht darum, eine verlässliche Kommunikation zu schaffen: Welche Hilfe versteht das Pferd? Wie kann diese gegeben werden und wie bleibt sie auch unter dem Druck eines solchen Championats eindeutig?

Para-Sport: Mit Beeinträchtigung im Sattel

Mit einer Behinderung in den Sattel zu steigen, ist für jede Athletin und jeden Athleten eine ganz persönliche Reise. Die Geschichten dahinter sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Manche müssen mit Schmerzen leben, andere mit schwankender Belastbarkeit oder den täglichen Grenzen, die ihre körperliche Beeinträchtigung mit sich bringt. Doch wo Grenzen sind, sind auch Möglichkeiten. Es gehört zur Vorbereitung auf Training und Wettkampf, sich immer wieder auf den eigenen Körper, das Pferd und die Anforderungen des Reitsports einzustellen. Die deutschen Athletinnen haben sich vor der WM bei einem Lehrgang in Warendorf vorbereitet. Dabei ging es nicht nur um das Reiten selbst, sondern auch um ein gutes Mentaltraining zur Einstimmung auf das Championat. Das hat Rolf Grebe, Co-Bundestrainer der deutschen Para-Dressurreiter, im Interview für HOOFORIA erzählt.

Im Interview mit HOOFORIA zum Thema Para-Sport: Trainer Rolf Grebe.

Im Interview mit HOOFORIA zum Thema Para-Sport: Trainer Rolf Grebe. (© Privat)

Die WM in Aachen als „Highlight des Weges“

Die WM ist auch für ihn persönlich ein Highlight seines Weges. Er sieht es positiv, wie sich der Sport entwickelt hat: „Das merken wir als gesamtes Team. Aachen ist sehr gut vorbereitet auf die Para-Dressur und in Sachen Barrierefreiheit nur zu loben. Über die einzigartige Stimmung müssen wir glaube ich nicht viel sagen“, lacht er. Bei den FEI World Championships Aachen 2026 ist die Para-Dressur zum allerersten Mal überhaupt auf diesem traditionsreichen Gelände mit dabei. Doch das Ganze ist kein einmaliges Event. Ab 2027 wird die Para-Dressur ein fester, dauerhafter Bestandteil des jährlichen CHIO Aachen werden.

Katharina Hemmer begeistert von der Para-Dressur

Beeindruckt von der Leistung der Para-Reiter ist auch Katharina Hemmer, die bei der diesjährigen WM ihren bislang größten Erfolg mit Denoix PCH feiern konnte: Team-Gold und Einzel-Bronze in der Dressur hat sich dieses Paar erritten. „Dass der Para-Sport in Aachen so präsent ist, sehe ich als Bereicherung für die Veranstaltung“, sagt sie. „Ich bin mittlerweile wieder zu Hause und verfolge die einzelnen Prüfungen der Para-Reiter mit großem Interesse. Hier wird noch mal mehr deutlich, was die Verbindung zum Pferd im Reitsport ausmacht.“ Auch Katharina Hemmer hat ein besonderes Verhältnis zu ihrem Sportpartner Denoix PCH, den sie vom Nachwuchspferd bis zum Weltmeister ausgebildet hat. Sie nennt ihn liebevoll „Purzel“ und findet es wichtig, immer mit Freude in den Sattel zu steigen. Genau diese Freude haben wir in Aachen immer wieder in den Gesichtern der Para-Reiter gesehen. Die Freude, dass die Pferde alles geben und wirklich tolle Runden im Viereck absolvieren. Die Freude, gemeinsam zu strahlen.

Begeistert von den Leistungen der Para-Reiter auf der WM in Aachen: Dressurreiterin Katharina Hemmer.

Begeistert von den Leistungen der Para-Reiter auf der WM in Aachen: Dressurreiterin Katharina Hemmer. (© Privat)

Es muss nicht immer Galopp sein

Zurück zur WM: Vor der ersten Prüfung gab es ein freies Training. Die Athleten sind in fünf Grades, je nach Art der Beeinträchtigung, eingeteilt. Maßgeblich sind dabei unter anderem Beweglichkeit, Kraft und Koordination. Reiter mit vergleichbaren funktionellen Einschränkungen treten in einem von fünf Grades gegeneinander an. Grade I umfasst dabei die stärksten Beeinträchtigungen, Grade V die geringsten. Unterschiede gibt es auch in Bezug auf die Größe des Vierecks sowie die Gangarten. Grade I bis III reiten Prüfungen auf einem 20 x 40 Meter Viereck, entweder nur im Schritt oder in den Gangarten Schritt  und Trab. Zur Vorbereitung darf das Pferd von einer anderen Person geritten werden. Maximal 30 Minuten pro Tag. Bereiter und Athleten sind ebenfalls als Team aufeinander abgestimmt. In der Prüfung wird Wert gelegt auf Losgelassenheit, Balance und eine korrekte Linienführung. Wer denkt: Eine Prüfung ohne Galopp ist doch nicht spannend, der liegt falsch. Was haben wir zum Beispiel bei dieser WM für tolle Übergänge gesehen! Harmonisch, im Fluss, in Selbsthaltung und bei guter Maultätigkeit. Pferde, die aufmerksam auf die Hilfen achten und gleichzeitig zeigen, wie motiviert sie sind. Reiter, die ihren Pferden zu hundert Prozent vertrauen und ihre Dankbarkeit am Ende der Prüfung deutlich zeigen. Eine gemeinsame Ebene und eine eigene Art der Kommunikation mit einem Pferd entwickelt zu haben, verbindet auf ganz besondere Weise.

Das wird natürlich auch bei Grade IV und V sichtbar, die auf 20 x 60 Metern starten und alle drei Gangarten zeigen. Auch Seitengänge und andere Lektionen aus Dressurprüfungen sind Teil der einzelnen Aufgaben.

Para-Sport: Ziele kennen keine Altersgrenze

Auch Richterin Nicole Nockemann verfolgt die Para-Dressur und ist begeistert von der Verbindung zwischen Reitern und Pferden: „Es ist immer wieder beeindruckend zu sehen, wie sich auch die Pferde auf ihre Reiter einstellen und welche Möglichkeiten der Kommunikation es gibt“, sagt sie und ergänzt: „Zum Beispiel, wenn die Hilfengebung mit den Beinen nur noch eingeschränkt möglich ist und sich das Pferd auf feine Signale mit ein oder zwei Gerten einlässt.“ Besonders gefreut hat sich Nicole Nockemann für Heidemarie Dresing, die mit Poesie einen unglaublichen Start hingelegt hat und sich die Goldmedaille in Grade II sichern konnte. „Wege kreuzen sich ja immer wieder“, sagt Nicole Nockemann und erinnert sich: „Vor vielen Jahren sind Heidemarie und ich zusammen in Dressurprüfungen der Klasse L gestartet und was hatten wir Spaß! Sie war immer schon eine sehr positive Person. Heute zeigt sie, dass man im Sport ein Leben lang seine Ziele haben kann. Sie ist 71, aber sie ist ja nicht alt!“.

Verfolgte gespannt die Para-Dressur in Aachen: Richterin Nicole Nockemann.

Verfolgte gespannt die Para-Dressur in Aachen: Richterin Nicole Nockemann. (© Privat)

Was ein gutes Para-Pferd ausmacht

Das Thema Kommunikation spielt eine bedeutende Rolle. Was für den einen Reiter ein deutlicher Impuls sein kann, muss für den anderen ganz anders funktionieren. Körperliche Einschränkungen beeinflussen, wie Gewicht, Hände, Beine oder Stimme eingesetzt werden können. Also suchen Reiter und Trainer nach den Signalen, die funktionieren und danach, wie das Pferd diese zuverlässig versteht. Eine eigene Sprache festigt sich mit der Zeit. Reiter und Pferd entwickeln ein individuelles System aus Hilfen, Signalen und Reaktionen. Je besser dieses Zusammenspiel wird, desto kleiner können die Signale werden. Ein Impuls, eine Gewichtsverlagerung, eine leichte Bewegung der Hand. Für den Zuschauer manchmal kaum wahrnehmbar. Ein Pferd für die Para-Dressur muss nicht einfach nur Bewegungsqualität mitbringen oder möglichst weit ausgebildet sein. Auch Lernfähigkeit, Balance, Rittigkeit, Aufmerksamkeit und Vertrauen sind enorm wichtig. Das Pferd ist nicht einfach Sportgerät, sondern ein Partner mit Herz.

Para-Pferde: Leistung zwischen den Zeilen

Der Ritt zum Titel: Heidemarie Dresing und ihre Poesie siegten in Aachen.

Der Ritt zum Titel: Heidemarie Dresing und ihre Poesie siegten in Aachen.

Das bedeutet auch: Ein Pferd wird nicht einfach dadurch zum Para-Pferd, dass es besonders brav ist. Es muss ein leistungsfähiges Sportpferd sein und gleichzeitig die Fähigkeit besitzen, sich auf seinen Menschen und die individuelle Hilfengebung einzulassen. Die eigentliche Leistung passiert oft zwischen den Bewegungen. Vielleicht ist das der Punkt, den man als Zuschauer am schwersten erkennt. Wenn ein Reiter eine Traversale reitet oder eine saubere Hilfe für einen Übergang gibt, sieht man das Ergebnis. Man sieht aber nicht die unzähligen Stunden, in denen Pferd und Reiter gelernt haben, welche kleinen Signale was bedeuten. In der Para-Dressur wird diese gemeinsame Sprache teilweise neu geschrieben. Ein Reiter muss sehr genau wissen, welche Hilfen ihm zur Verfügung stehen. Der Trainer muss herausfinden, wie diese Hilfen für den jeweiligen Reiter funktionieren. Und das Pferd muss lernen, darauf zu reagieren. Deshalb ist Para-Dressur immer Teamarbeit: Reiter, Pferd und Trainer arbeiten nicht nebeneinander, sondern an einem gemeinsamen System. Das Training beginnt folglich nicht mit der Frage, wie eine Behinderung möglichst geschickt versteckt werden kann. Es geht vielmehr darum, eine funktionierende Kommunikation zu finden.

Und dann kommt Aachen

Bei einem Championat verändert sich diese Aufgabe noch einmal. Das Pferd reist, kommt in eine fremde Umgebung, schläft in einer anderen Box, erlebt ungewohnte Geräusche und eine neue Atmosphäre. In Aachen kommt die Dimension des Ereignisses hinzu: die Menschen auf den Rängen, Scheinwerfer, Lautsprecher, viele Menschen und die besondere Kulisse einer Weltmeisterschaft. Gerade deshalb ist die Vorbereitung mehr als das reine Reiten. Das Pferd muss die Anforderungen eines solchen Turniers verkraften. Training, Ruhephasen, Fütterung, Transport und tiermedizinische Betreuung müssen zusammenpassen. Auch die Reiter müssen mit dem Druck umgehen. Bei einer Weltmeisterschaft gibt es keinen Trainingsritt. Jeder Fehler zählt. Und gleichzeitig darf der Reiter den Blick nicht verlieren für den Partner, der unter ihm arbeitet. Hinzu kommt auch noch die Verfassung des eigenen Körpers. Chronische Erkrankungen oder Schmerzen lassen sich nicht genau vorausplanen. Ein gutes Management kann auch hier einiges erleichtern. Am Ende vereint uns alle die Liebe zum Reitsport und das unbeschreibliche Gefühl, wenn wir spüren, dass unser Partner Pferd sein großes Herz gefühlt voran ins Viereck wirft und sagt: Let’s dance!

 

0 Kommentare

  1. Danke für den tollen Artikel. Krasse Leistung die da ein Mensch-Pferd-Team im Parasport darbieten!


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