Reiter macht mit Pferd Pause beim Reiten © Christiane Slawik

Die Pause ist kein Stillstand, sondern der Moment, in dem der eigentliche Lernprozess im Körper überhaupt erst stattfindet.

Wir alle kennen Tage im Sattel, an denen wir uns vornehmen, an unserem Sitz zu arbeiten, uns aber womöglich die Koordination im Stich lässt. Am Ende steht die Frage, warum wir den eigenen Körper nicht so sortiert bekommen, wie wir uns das wünschen. Die Antwort ist verblüffend simpel, bricht aber mit dem größten Mythos des Reitsports: Oft ist es nicht intensiveres Training, welches nötig ist, sondern schlicht eine Pause beim Reiten. Persönlich kenne ich dieses Gefühl gut. Und ich kenne es aus zwei völlig verschiedenen Leben.

Wie eine Krankheit die Sicht aufs Training verändert

Früher gehörten Pausen für mich selbstverständlich zu jeder Trainingseinheit. Nach einer gelungenen Traversale das Pferd kurz vorwärts-abwärts dehnen lassen, nach anstrengender Galopparbeit einen Moment durchatmen, die Gedanken sortieren und dann weitermachen. Was für mich allerdings kaum existierte, waren Pausen zwischen den einzelnen Trainingstagen.

Als Bereiterin bis zur schweren Klasse war Training für mich Alltag, Routine und Leidenschaft zugleich. Schon als Jugendliche wurde mir beigebracht, dass es wichtig ist, immer dranzubleiben. Natürlich stieg ich auch mit Muskelkater in den Sattel. Dann veränderte sich mein Leben durch eine chronische, unheilbare Krankheit grundlegend. Nach vielen Jahren Reitpause hatte ich endlich wieder den Mut und die Kraft, als Para-Reiterin einen Weg zurück in den Reitsport zu finden, und fand eine junge Reitponystute, die ich selbst zum Para-Pony ausbildete.

Doch als wäre diese Umstellung nicht schon groß genug gewesen, kam kurze Zeit später ein Schlaganfall hinzu. Ein massiver Einschnitt, der mich endgültig dazu zwang, die Grenzen meines Körpers zu achten und mich mit dem Thema Pausen auseinanderzusetzen. Plötzlich stand ich vor Herausforderungen, die jeder Reiter kennt, der an einem guten Sitz arbeitet, allerdings wie unter einem Brennglas: Koordination, Balance und das neuromuskuläre Zusammenspiel musste ich völlig neu erlernen.

Eine Pause kann das Reiten verbessern

Was früher gefühlt automatisch ablief, wurde zu einem bewussten Kraftakt. Besonders der Weg zurück zu einem losgelassenen Sitz, der mir jedoch gleichzeitig die nötige Rumpfstabilität gibt, glich einer Berg- und Talfahrt. Mein Körper forderte vehement Pausen ein, oft mehrere Tage am Stück. Ich lag mit Schmerzen im Bett, war anfangs oft frustriert, denn gerade das, was mir früher so leicht fiel, schien auf einmal meilenweit entfernt.

Doch in dieser erzwungenen Ruhe passierte das eigentliche Wunder des Trainings: Als ich nach drei Tagen Zwangspause wieder in den Sattel stieg, klappten Dinge plötzlich, an denen ich mir vorher die Zähne ausgebissen hatte. Die Koordination war da, der Sitz losgelassener und der Rumpf stabiler. Mit den Pausen kam auch das Selbstbewusstsein und das Vertrauen in den eigenen Körper zurück.

Zwei Pferde stehen auf der Weide

Trainingspausen sind wichtig, damit sich Inhalte festigen und Klarheit im Organismus geschaffen wird. (© Christiane Slawik)

Wie das Gehirn Bewegungen im Schlaf speichert

Genau hier liegt ein Geheimnis der Pausen: In der Ruhephase arbeitet unser Nervensystem auf Hochtouren. Das Gehirn sortiert das Erlebte, baut neue Synapsen und festigt komplexe Bewegungsmuster. Ein Prozess, den die Wissenschaft „motorische Konsolidierung“ nennt. Muskeln und Nerven regenerieren sich nicht nur, sie codieren die feinen Hilfen neu.

Die Pause ist also kein Stillstand, sondern der Moment, in dem der eigentliche Lernprozess im Körper überhaupt erst stattfindet. Das gilt für jeden von uns, egal, ob wir im Sport aktiv sind oder als Freizeitreiter an einem unabhängigen Sitz arbeiten. Kein Erzwingen wird uns zu nachhaltigem Erfolg verhelfen. Die Pause ist der Raum, in dem Fortschritt erst gespeichert wird.

Die Wissenschaft rät zur Pause beim Reiten

Wer diesen Mechanismus versteht, kann daraufhin sein Training verändern. Denn das biologische Prinzip der produktiven Ruhe ist universell, und es steuert die Entwicklung von Reiter und Pferd gleichermaßen. „Trainingspausen sind wichtig, damit sich Inhalte festigen und Klarheit im Organismus geschaffen wird“, betont der Co-Bundestrainer der deutschen Para-Dressurreiter Rolf Grebe. Er beschäftigt sich intensiv mit der Bewegungslehre sowie mit Lernprozessen und fügt hinzu: „Das eigentliche Lernen findet in den Pausen statt und ist natürlich auch abhängig von körperlichen Fertigkeiten sowie Fähigkeiten.“

Das bestätigt auch die Trainerin, Richterin und Mentalcoachin Carmen Englert: „Studien aus der Lern- und Neurowissenschaft zeigen, dass das Gehirn neue Bewegungsabläufe und Erfahrungen während Ruhephasen verarbeitet und festigt. Das bedeutet: Die Pause ist nicht die Unterbrechung des Lernens. Sie ist ein Teil davon.“

Drei einfache Wege zu besseren Trainingspausen

Wie lässt sich dieses Wissen nun konkret in den Stallalltag übersetzen? Es erfordert ein Umdenken weg vom starren „45-Minuten-Dauerreiten“ hin zu einem intervallbasierten Training.

  • Die Mikropause im Viereck:
    Nach jeder Phase erhöhter Konzentration, sei es eine gelungene Galopptraverse oder eine anstrengende Reihe Übergänge, gehört die Pause fest zum Ablauf. Zügel aus der Hand kauen lassen, das Pferd darf sich dehnen und für ein bis zwei Runden im Schritt die Seele baumeln lassen. Das senkt den Cortisolspiegel im Blut augenblicklich und schafft im Gehirn den nötigen Platz für die nächste Aufgabe.
  • Der Mut zum frühen Ende:
    Gelingt eine neue, schwierige Lektion auf Anhieb besonders gut, ist das der perfekte Moment, um aufzuhören. Das Training zum Beispiel auch mal nach 25 Minuten mit einem strahlenden Gefühl zu beenden verankert den Lernerfolg beim Pferd nachhaltiger als jede weitere Wiederholung aus purem Ehrgeiz. Natürlich können Sie zum Cool-down beispielsweise noch eine Schrittrunde durchs Gelände gehen.
  • Der strukturierte Wochenplan:
    Einem intensiven Trainingstag sollte für das Pferd konsequent ein Tag der aktiven Regeneration folgen. „Auf gar keinen Fall bedeutet das Boxenruhe, sondern Bewegung ohne Leistungsdruck: Ein entspannter Schrittausritt am langen Zügel, Handarbeit oder auch mal ein Weidetag mit etwas Bewegung in der Führanlage geben dem Pferdekörper die Zeit, die Trainingsreize umzusetzen“, rät Rolf Grebe.
Pferd läuft in Führanlage

Ohne Leistungsdruck: Natürlich muss das Lauftier Pferd genug Bewegung bekommen. Doch an Pausentagen kann das neben freier Zeit auf Weide und Paddock auch ruhig mal die Führanlage sein. (© Christiane Slawik)

Weniger ist mehr: Eine Pause machen beim Reiten

Wenn Ihnen eine neue Lektion zum ersten Mal erfolgreich gelingt, zum Beispiel ein fliegender Wechsel, würden Sie dann eher die Lektion noch einmal wiederholen oder eine Pause von einem Tag bis hin zu einer Woche einlegen? Für viele Menschen sind Pausen auch durch unsere Leistungsgesellschaft etwas, das Mut erfordert. Nach einem gelungenen fliegenden Wechsel für eine ganze Woche diese Lektion links liegen lassen? Das klingt doch erst einmal kontraproduktiv. Ist es aber tatsächlich nicht.

„Viele Reiter sind unglaublich ehrgeizig. Sie möchten ihrem Pferd gerecht werden, sich verbessern und ihre Ziele erreichen. Das ist grundsätzlich etwas Positives. Problematisch wird es erst dann, wenn aus Ehrgeiz Druck entsteht“, gibt Carmen Englert zu bedenken.

Wann Ehrgeiz zum größten Trainingsgegner wird

Was vielen Reitern nicht bewusst ist: Mentale Ermüdung tritt häufig deutlich früher auf als körperliche Erschöpfung.

Die Konzentration lasse nach. Hilfen würden ungenauer. Frust stelle sich ein, und Fehler häuften sich. „Genau an diesem Punkt beginnen viele Reiter, noch mehr Druck zu machen – sich selbst und oft unbewusst auch ihrem Pferd“, so die Trainerin. „Besonders im Reitsport dürfen wir nie vergessen: Unser Pferd nimmt unsere innere Verfassung wahr. Anspannung, Frust oder Ungeduld bleiben ihm selten verborgen. Deshalb profitieren Reiter wie Pferd von einer guten Pause.“

Wie Sie die Pause beim Reiten richtig nutzen

Unsere Expertin Carmen Englert gibt Praxistipps zum Thema Pausen im Training. Diese Übungen können Sie alleine aber auch gemeinsam mit Ihrem Trainer durchführen. Nehmen Sie sich dafür bewusst Zeit.

Reiter klopft Pferd während Pause beim Reiten

Pause mal anders: das Trainingsziel kurz mal hintanstellen, in die Natur gehen, eine gute Zeit gemeinsam haben. Pausen können je nach Pferd und Reiter oder Reiterin ganz verschieden aussehen. (© Christiane Slawik)

1. Beenden Sie eine Übung nach einem guten Moment

Viele Reiter trainieren nach einem Erfolg weiter und verlieren dadurch genau die Qualität, die sie eigentlich erreichen wollten. Das Gehirn speichert besonders gut ab, womit eine Trainingseinheit endet.

Übung: Nach einer gelungenen Ausführung gehen Sie sofort zwei Minuten Schritt am langen Zügel. Nehmen Sie bewusst wahr, was gerade gut funktioniert und was dazu beigetragen hat.

Ziel: Mehr Motivation, mehr Selbstvertrauen und eine nachhaltigere Verankerung erfolgreicher Bewegungsabläufe bei Pferd und Reiter.

2. Wiederholen Sie Fehler nicht unter Frust

Das ist eines der größten Probleme im Reitsport. Viele Reiter versuchen, Fehler wegzutrainieren. Unter emotionalem Druck sinken jedoch Konzentration, Timing und Körpergefühl.

Übung: Sie spüren, wie Frust aufkommt, oder befinden sich bereits mitten in einer frustrierenden Situation? Dann gehen Sie Schritt am langen Zügel und fragen sich selbst: „Was brauche ich gerade, um wieder ruhiger zu werden?“

Ziel: Emotionale Kontrolle bewahren, Druck reduzieren und die Grundlage für konzentriertes und erfolgreiches Lernen schaffen.

3. Nutzen Sie eine Pause beim Reiten für bewusste Atmung

Atmung ist der schnellste Weg, das Nervensystem zu beruhigen. Pferde reagieren unmittelbar auf die innere Anspannung ihres Reiters.

Übung: Atmen Sie vier Sekunden ein und anschließend sechs Sekunden aus. Wiederholen Sie die Atemübung während der Schrittpause und beobachten Sie, was in Ihrem Körper sowie auf mentaler Ebene passiert.

Ziel: Mehr innere Ruhe, bessere Konzentration und Entspannung für Reiter und Pferd.

4. Vertrauen Sie auf den Lerneffekt nach der Pause

Viele Reiter verlieren die Motivation, weil sie Fortschritte sofort sehen wollen. Lernen braucht jedoch Zeit. Wer das versteht, trainiert entspannter und nachhaltiger.

Übung: Notieren und ergänzen Sie nach jeder Einheit folgenden Satz: „Heute habe ich den Grundstein gelegt für…“ und/oder „Was ist heute bereits besser als vor vier Wochen?“ Ein schönes Notizbuch können Sie ganz einfach in Ihren Spind legen oder mit zum Training nehmen und es nach und nach füllen.

Ziel: Geduld entwickeln, Vertrauen in den Lernprozess stärken und unnötigen Leistungsdruck reduzieren.

5. Planen Sie mentale Pausen genauso wie körperliche

Die meisten Reiter achten auf die körperliche Belastung ihres Pferdes, vergessen aber ihre eigene mentale Energie. Gerade Konzentration, Fokus und Emotionen entscheiden jedoch maßgeblich über den Trainingserfolg.

Übung: Bleiben Sie vor dem Aufsteigen 60 Sekunden bewusst stehen und fragen Sie sich:

  • Wie geht es mir gerade?
  • Worauf möchte ich heute meinen Fokus legen?
  • Was wäre heute ein realistischer Erfolg?

Ziel: Mit mehr Klarheit, Präsenz und mentaler Stärke ins Training starten und dadurch die Qualität der gesamten Einheit steigern.

Warum auch Pferde in der Pause lernen

Was für den Reiterkörper gilt, steuert die Entwicklung des Pferdes in exakt derselben Intensität. Die Sportwissenschaft spricht hier vom Prinzip der Superkompensation: Ein Trainingsreiz setzt lediglich das Signal für Wachstum. Die eigentliche Leistungssteigerung, wie der Aufbau von Muskelmasse, Kondition und neuen Bewegungsmustern, findet ausschließlich in der anschließenden Erholungsphase statt.

Werden Muskeln und Sehnen ohne ausreichende Regeneration erneut belastet, stagniert die Leistung nicht nur, es drohen auch chronische Überlastungsschäden. Doch nicht nur der körperliche Aspekt ist wichtig. Auf mentaler Ebene funktioniert das Pferdegehirn wie ein biologischer Spiegel unseres eigenen Nervensystems.

Mädchen geht mit Pferd spazieren

Gemeinsame Zeit ganz ohne Sattel: Nicht nur Muskeln, Sehnen, Bänder und der Rücken brauchen regelmäßig Regeneration. (© Christiane Slawik)

Die Pause beim Reiten als Lob nutzen

Als Fluchttiere sind Pferde darauf programmiert, in Stresssituationen den Fokus zu verlieren. Jede neue Lektion bedeutet im ersten Moment eine mentale Anspannung. Das Pferd lernt die richtige Antwort auf eine Hilfe jedoch niemals während der Einwirkung, sondern in exakt dem Moment, in dem der Reiter die Hilfe wegnimmt und eine Pause zulässt. Die Pause ist für das Pferd das verständlichste Lob überhaupt. Sie ist die Bestätigung, dass es die Aufgabe gut bewältigt hat.

„Merke ich, dass ein Pferd beim Erlernen neuer Lektionen unruhig wird, dann muss ich auch mal eine Trainingspause einlegen, zumindest mit den spezifischen Inhalten. Dann kann sich das Ganze im Organismus setzen, und alles wird nach einer Pause plötzlich klarer“, sagt der Co-Bundestrainer der deutschen Para-Dressurreiter Rolf Grebe und ergänzt: „Auch die Bewegung beziehungsweise der Ablauf der Bewegung funktionieren dann auf einmal oft unerwartet besser.“

Die Kraft gemeinsamer Ruhe

Dieses „Unerwartet-besser-Funktionieren“ hat eine tiefere, fast magische Dimension, die über reine Biologie hinausgeht. Wenn wir den Mut aufbringen innezuhalten, geschieht etwas mit unserer Beziehung zum Pferd. In dem Moment, in dem der unbarmherzige Ehrgeiz schweigt, atmet auch die Seele des Pferdes auf. Ein Pferd, das spürt, dass es Fehler machen darf und dass ihm Raum zum Nachdenken geschenkt wird, verliert die Angst vor dem Versagen. Es wechselt vom reinen Funktionieren ins aktive Mitgestalten.

Pausen kultivieren eine Atmosphäre der Sicherheit. Sie verwandeln das Viereck von einem Ort des ständigen Forderns in einen Raum des gemeinsamen Wachsens. Wer lernt, die Zügel ganz bewusst aus der Hand kauen zu lassen, im übertragenen wie im wörtlichen Sinne, der signalisiert seinem Partner: „Ich vertraue dir, und ich vertraue uns.“ Dieses geteilte Loslassen schweißt tiefer zusammen als jede fehlerfreie Lektion.

Ist die Pause beim Reiten der Schlüssel zum Erfolg?

Am Ende zeigt uns die Kraft der Stille, dass die wertvollsten Momente im Sattel oft jene sind, in denen sich scheinbar gar nichts bewegt. Reiten ist im Kern kein Leistungssport, sondern ein ständiges Gespräch zwischen zwei Lebewesen, das vor allem durch das Zuhören lebt. Und genau wie in einer guten Konferenz braucht auch dieser Dialog Momente des Schweigens, damit das Gesagte an Bedeutung gewinnen kann.

Wenn Sie also das nächste Mal mit Ihrer Balance kämpfen, die Koordination Sie im Stich lässt oder eine Lektion an diesem Tag unlösbar scheint und einfach nicht gelingen mag, widerstehen Sie dem Drang nach mehr Härte. Atmen Sie durch. Kraulen Sie sanft den Hals Ihres Pferdes. Schenken Sie sich und Ihrem Pferd den Mut zur Pause. Denken Sie an den Rat von Carmen Englert:

„Pausen sind kein Zeichen von Schwäche, mangelnder Motivation oder fehlendem Ehrgeiz. Sie sind ein professionelles Werkzeug. Wenn Sie Pausen bewusst einsetzen, können Sie nicht nur Ihre Leistung verbessern, sondern auch die Grundlage für eine langfristige Entwicklung, mentale Stärke sowie eine vertrauensvolle Partnerschaft mit Ihrem Pferd schaffen.“

Betrachten Sie die Ruhe nicht als verlorene Zeit, sondern als das schönste Versprechen an Ihre gemeinsame Zukunft. Denn am Ende lernen wir das Fliegen nicht im pausenlosen Flügelschlag, sondern in den Momenten, in denen wir uns vertrauensvoll vom Aufwind der Ruhe tragen lassen.

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